Kurzgeschichten

Aus dem GSK Nord

Kürzlich erhielt ich Material und einen Brief von W. Biermann. Das im Brief geschilderte Ereignis gebe ich nun hier wieder:

Eine Situation blieb mir aus meiner Dienstzeit nachhaltig in Erinnerung. 1964 oder 1965 wollten DDR-Grenztruppen eine alte Hochwasserschleuse bei Schnakenburg an der Elbe im Rahmen der Grenzbefestigung einnehmen.

Die Situation eskalierte so weit, dass englische Einheiten mit Panzerspähwagen auf dem alten Deich in Stellung gingen.

Im weiteren Verlauf hatten wir vom BGS den Auftrag, die Schleuse Tag und Nacht zu bewachen und zu sichern.

Bei den Befestigungsarbeiten durch die DDR-Grenztruppen hatten Mitglieder der FDJ (Freie Deutsche Jugend) die Aufgabe, die gemähte Fläche zu säubern. Dabei waren sie in unmittelbarer Nähe der Demarkationslinie.

Über folgenden Umstand waren wir uns einig:

Sollte jemand einen Fluchtversuch wagen und würde auf den Flüchtling seitens der DDR-Grenztruppen geschossen werden, geben wir dem Flüchtling Feuerschutz!

Ich bin heute noch dankbar, dass es nicht soweit kam!

1989 kam es über meinen Sportverein zum Kontakt eines Sportvereins der Universität Greifswald. Dort war ein ehemaliger Hauptmann der DDR-Grenztruppen. So kamen wir ins Gespräch, tauschten uns aus und stellten fest, dass wir beide möglicher Weise bei einem anderen Verlauf der Geschichte hätten aufeinander schießen müssen.

Eine grauenhafte Vorstellung für uns beide. Beide Sportmannschaften treffen sich seit 1989 nunmehr 1 x jährlich.

Am 17.06.1956 in Eschwege

Am 17.06.1956 in Eschwege

Links der farbige US-General. In der Bildmitte (4. von links) Dietrich Hoppe

Es gibt vielen junge Menschen, denen die Bedeutung des 17. Juni 1953 nichts mehr sagt.

Darum eine kurze geschichtliche Einführung zu diesem Datum:

Als Aufstand des 17. Juni (auch Volksaufstand oder Arbeiteraufstand) werden die Ereignisse bezeichnet, bei denen es in den Tagen um den 17. Juni 1953 in der DDR zu einer Welle von Streiks, Demonstrationen und Protesten kam, die verbunden waren mit politischen und wirtschaftlichen Forderungen. Er wurde von der Roten Armee blutig niedergeschlagen.

Durch Gesetz vom 4. August 1953 erklärte der Bundestag den 17. Juni zum „Tag der deutschen Einheit“ und gesetzlichen Feiertag.

Quelle und genaue Informationen: WIKIPEDIA

Zu dem Ereignis am 17.06.1956 im GSK Mitte, Standortzuständigkeit Eschwege:

Der gesetzlicher Feiertag „Tag der deutschen Einheit“ fiel auf einen Sonntag. Das Kommando erhielt an diesem Tag hochrangigen Besuch eines farbigen amerikanischen 4-Sterne-Generals.

Das Besucherprotokoll sah auch eine Grenzführung vor. Es bedurfte nicht eines großen Auflaufes, um DDR-Grenzsoldaten auf den Plan zu rufen. Aber hier war es nun mal ein großer "Bahnhof" der entsprechende Aufmerksamkeit der anderen "Feldpostnummer" hervorrief.

Zum damaligen Zeitpunkt war es keine Seltenheit, dass man sich unmittelbar gegenüber stand.

So auch bei diesem Grenzbesuch. Die Mimik der DDR-Grenzsoldaten veranlasste den US-General zu einer direkten Ansprache, die in gutem, einwandfreien aber dialektischen deutsch erfolgte:

"Hey guys - was guckt ihr so traurig. Heute ist doch Feiertag - bei euch nicht?"

Die Gesichter der DDR-Grenzsoldaten wurden weder freundlicher noch glücklicher.

Ein Vorwort

Mein persönlicher Dank an dieser Stelle an Herbert Dittmer, der mir diesen Artikel zur Verfügung stellte. Der eine oder andere Leser mag sich fragen, was die "Vorgeschichte" bis zum Beitritt in den BGS hier macht.

Als "historische Dokumentation zum BGS" ist dies aber eine Variante der Umstände am Anfang der 50er-Jahre, wie sie sehr viele Ehemalige des BGS erlebt haben und wie sie zum BGS kamen.

Ich sehe damit einen Zusammenhang, wie er wunderbar dargestellt wurde. Auch wenn dieser Artikel nicht unbedingt als "Kurzgeschichte" zu bezeichnen ist, gibt er dennoch ein Abbild seiner Zeit wieder, wie es zum BGS der 50er-Jahre gehört.

Auch wurde dieser Artikel in der örtlichen Zevener Presse wiedergegeben und anscheinend mit Interesse verfolgt, wie mir Herbert versicherte.

Erinnerungen eines Zeveners an die Nachkriegsjahre und eine Freundschaft.

An dieser Stelle berichtet der Zevener Herbert Dittmer, wie er, dem eigentlich eine Karriere als Eisenbahner vorschwebte, nach einer Lehre im Einzelhandel vor 60 Jahren beim Bundesgrenzschutz landete. Gleichzeitig ist es eine Geschichte über eine Freundschaft während des Kalten Krieges. Und auch das Schiff „Wilhelm Gustloff“ spielt darin eine wichtige Rolle.

Kurz vor dem zweiten Weltkrieg geboren, als sogenannte Kriegskinder aufgewachsen, war mein Berufswunsch eigentlich schon vor Ende meiner Schulzeit immer, wie meine beiden Großväter und zum Teil auch deren Söhne, Eisenbahner zu werden.

Um diese Berufstradition fortsetzen zu können, fehlte mir für die Zeit dieser Berufsausbildung eine Unterbringungsmöglichkeit in Form von Kost und Logis am Ausbildungsort der Bundesbahn, der sich außerhalb meines Wohnortes befunden hätte.

Dieser Kostenaufwand war für meine Eltern in dieser Nachkriegszeit nicht tragbar, daher entschieden wir uns nach der Schulzeit für eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann am Wohnort.

Im Jahre 1952 eine derartige „ Lehrstelle“ zu bekommen, war auch hier so kurz nach dem verlorenen Krieg nicht einfach, aber es begann langsam der Aufschwung und wir hatten Glück!

Wenn ich sage wir, meine ich meinen Freund Wolfgang Schneider und mich.

Einigermaßen behütet aufgewachsen lebten wir in einem kleinen Ort in der gleichen Straße in der ich auch geboren wurde. Wolfgang wurde 1945 mit seiner Familie aus seinem Geburtsort Labiau bei Königsberg in Ostpreußen von der sowjetischen Armee vertrieben und war somit als Heimatvertriebener in unserer Straße zugezogen.

Das Glück, diesen Jungen kennen gelernt zu haben, hätte ich beinahe nicht gehabt. Auf der Flucht bis Gotenhafen, wollten seine Familie ohne Vater (der diente noch als Soldat in der deutschen Wehrmacht) von dort am 30.1.1945 mit dem Schiff der „Wilhelm Gustloff“ , einem deutschen Passagierschiff der NSDAP (fuhr für die Organisation K.d.F = Kraft durch Freude) über die Ostsee in Richtung Westen fliehen.

Der Lage unbewusst, war er als siebenjähriger kleiner Junge voller Stolz, als er hörte mit diesem großen Schiff eine Reise anzutreten. Doch er und seine Familie, sowie noch viele andere Flüchtlinge wurden wegen restloser Überfüllung der „Wilhelm Gustloff“ (ca. 10200 Menschen waren an Bord, zugelassen waren 1880) von einem Matrosen abgewiesen und durften nicht mehr an Bord gehen. Dieses hatte nun zur Folge, dass sie mit ihrer Gruppe und anderen Flüchtlingen zu einem anderen, kleineren Schiff, das ganz in der Nähe lag, gingen um mit diesem die Flucht von Gotenhafen bei Nacht und Nebel Richtung Saßnitz auf Rügen fort zu setzen.

Dieses Schiff wurde vorher als Viehtransporter genutzt, wonach es auch noch roch.

Der zunächst unglückliche Umstand abgewiesen zu werden, sollte später für sie zum Glücksfall geworden sein, denn wie die Geschichte es lehrte wurde die Gustloff nach Fahrtaufnahme ca. 20 Meilen vor der Pommerschen Küste von einem Sowjetischen U-Boot mit 3 Torpedos versenkt. Etwa 9000 Passagiere kamen in der eisigen See ums Leben.

So gemeint, war das Glück für unser Kennenlernen und der beginnenden Freundschaft.

Die teilweise von Not geprägten Kriegs- und Nachkriegsjahre vergingen. Wir waren von seitens unserer Familien nicht gerade auf Rosen gebettet, hielten aber als echte Freunde zusammen. Teilten miteinander wie Brüder, machten Streiche (auch solche die etwas Geld kosteten), hatten viel Spaß und besuchten vor allem gemeinsam eine Volksschulklasse.

In der Zwischenzeit wurde auch der Vater von Wolfgang aus der französischen Kriegsgefangenschaft entlassen und war wieder zu Hause bei seiner Familie.

1952, nach 8 Jahren aus der Schule entlassen, bekamen wir im Ort jeder eine „ Lehrstelle“ im Einzelhandel und waren eigentlich immer guter Dinge.

Wir wurden also langsam erwachsen und machten in unserer Freizeit Dinge, die viele Jugendliche taten. Wir absolvierten einen Tanzkurs, gingen Schwofen und ärgerten auch schon mal die kleinen Mädchen, natürlich nicht alle, nur ein paar. Vor allem feierten wir, wie die Jugendlichen auch heute, schon damals gerne Partys ohne Ende, allerdings mit bescheidenen finanziellen Mitteln.

Am Ende des Jahres 1954 wurde uns eine Bewerbung beim Bundesgrenzschutz (BGS) angetragen, hier wurden Anwärter gesucht. Dieses war zu Beginn des kalten Krieges, auch an der innerdeutschen Zonengrenze zu Land sowie auch zur See.

Unser Vorhaben den Dienst beim Seegrenzschutz zu versehen fiel auf Anfrage buchstäblich ins Wasser. Im Hinblick auf seiner Auflösung des auch 1951 ins Leben gerufenen Seegrenzschutzes wurden wohlweislich keine Anwärter mehr eingestellt. Denn der BGS-See wurde im Juni 1956 aufgelöst und im Rahmen der Option überwiegend von der neuen Bundesmarine übernommen.

Genau wie ein großer Teil, ca. die Hälfte der Beamten des BGS (Land), freiwillig zur neu ins Leben gerufenen Bundeswehr übergingen, weil sie sich bis zu einem bestimmten Termin dazu entschlossen hatten.

Geködert wurde teilweise mit einem höheren Dienstgrad bei Übernahme in die Bundeswehr.

Anlässlich unserer schriftlichen Bewerbung beim GSK-Nord in Hannover wurden wir noch im Jahre 1954 zu einer Eignungsprüfung in die BGS-Kaserne Hamburg-Harburg vorgeladen.

Die hier abzuleistende Prüfung bestand aus drei Teilen; die des schriftlichen, gesundheitlichen und sportlichen Teils. Wobei für uns beiden Kandidaten vom Lande der sportliche Teil wohl eigentlich der schwierigste war, denn wir hatten in der Freizeit alles andere im Kopf aber keinen Sport. Alles in Allem haben wir diese Hürde wohl gemeistert, denn wir wurden 18-jährig zum letzten Einstellungstermin am 27. Januar 1955 ( genau an Kaiser Wilhelms Geburtstag) in die BGS-Kaserne in Glückstadt/ Holstein einberufen. Es war der „letzte Einstellungstermin“ im alten BGS wohl deshalb, weil die Option 1956 ( Übernahme zur Bundeswehr) kurz bevorstand.

Nach dreijähriger Lehrzeit im Einzelhandel musterten wir also ab und begaben uns auf den Weg in eine nach unserer Meinung sichere Existenz.

Nach für unsere Begriffe langer Bahnfahrt, trafen wir gegen 14.00 Uhr an diesem 27.1.1955 mit dem Zug aus Hamburg kommend in Glückstadt ein.

Unser Vorhaben vor Eintreffen in der BGS-Kaserne "Am Neuendeich" die Stadt zu erkunden und noch einen Stadtbummel zu machen, wurde je zu Nichte gemacht als uns das Kommando „Aufsitzen wenn sie zum Grenzschutz wollen“ mit schrillem und unüberhörbarem Ton erreichte. Demnach wurden wir von einem späteren Vorgesetzten, der mit einem Mannschafttransportwagen, versehen mit Holzbohlen als Sitzfläche vor dem Bahnhof parkte und auf angereiste Anfänger wartete, aufgefordert seiner Anordnung Folge zu leisten, um in die Kaserne gebracht zu werden (aus der Traum mit der Freiheit).

Im Rückblick waren wir froh so abgeholt worden zu sein, denn der Weg war ca. 2,5 Kilometer lang.

Am nächsten Tag nach unserer Ankunft wurden wir, nach dem schon von uns die Stuben bezogen worden waren, einer weiteren Prüfung unterzogen und zwar die der ärztlichen Einstellungsprüfung.

Auch hiernach mussten einige Anwärter wieder die Rückreise antreten wegen zwischenzeitlich (in der Zeit von der Eignungsprüfung bis zur Einstellung ) aufgetretener, gesundheitlicher Mängel.

Ja, es handelte sich seinerzeit schon um eine elitäre Truppe, die im Volksmund auch Adenauer-Truppe genannt und teils auch so beschimpft wurde. Wir trugen dieses mit Fassung und ehrlicherweise auch mit ein wenig Stolz, in dieser Truppe gedient zu haben .

Aber, hier kam auch die Zeit wo zwei Freunde das erste Mal ungewollt getrennt wurden. Wolfgang machte in der 11.Hundertschaft seinen Dienst und ich wurde der 9. Hundertschaft zugeteilt. Zwar lagen sich beide Hundertschaftgebäude gegenüber, aber man sah sich ab dato überwiegend nur mal im Unterkunftsgelände.

So nahm jeder von uns zunächst an der Grundausbildung teil, die unter dem Motto „hart, menschlich, aber gerecht“ vollzogen wurde und es zählten zu diesem Zeitpunkt schon, wie auch später während der gesamten Dienstzeit im BGS, die preußischen Tugenden:

1. Aufrichtigkeit,

2. Ehrlichkeit,

3. Sauberkeit und

4. Ordnung.

Später nahm Wolfgang an der sogen. Verbandsausbildung teil und ich wegen der voraussichtlichen Sanitätsausbildung, zu der ich mich beworben hatte, schon an einem vorgezogenen Unterführerlehrgang. Dieser war von der körperlichen Leistung her wohl für mich einer der härtesten Lehrgänge, wo aus kleinen „feschen Burschen“ die wir doch mehr oder weniger alle noch waren, Männer gemacht wurden. Diese Ausbildung war für meine Laufbahn seinerzeit erforderlich und meiner Meinung nach im Nachhinein gesehen, auch sinnvoll.

So verging das Ausbildungsjahr 1955 und der infanteristische Teil erhielt mit dem Muss zur Abnahme des Sportabzeichens in Bronze, seinen Abschluss.

Das Jahr 1956 war das Jahr der endgültigen Trennung zweier Freunde.

In einer Zeit wo der kalte Krieg am kältesten war, wurde jetzt wie zuvor schon erwähnt die Bundeswehr in Bonn und Andernach aufgestellt. Hier wurden Mannschaften benötigt, aber vor allem auch Ausbilder.

Schöpfte der BGS zu Beginn seiner Gründung im Jahre 1951 zum Teil noch Ausbilder aus Unterführerbeständen der ehemaligen deutschen Wehrmacht, so wurden jetzt bei der Gründung der Bundeswehr Ausbilder vom Grenzschutz benötigt und gesucht.

Hierzu wurde per Erlass ein Ultimatum gestellt, welches da beinhaltete: wer an einem bestimmten Tag Anfang des Monats Mai 1956 bis 22.00 Uhr auf dem Abteilungsgeschäftszimmer im BGS in Glückstadt erschien und seine Unterschrift leistete, konnte weiterhin Angehöriger des Bundesgrenzschutzes bleiben. Alle anderen wurden zur Bundeswehr überführt und teilweise ihrer Ausbildung entsprechend mit einem höheren Dienstgrad übernommen.

Wolfgang und ich hatten uns für die Unterschrift entschieden und wollten beim BGS bleiben.

Ich wartete an diesem Tag bis 21.45 Uhr auf Wolfgang und leistete dann meine Unterschrift.

Mein Freund aus der 11. Hundertschaft aber glänzte, aus welchem Grund auch immer, mit Abwesenheit und wurde am 30.6.1956 als Obergefreiter von der Bundeswehr übernommen.

Ich wurde nach dieser Option als Grenzoberjäger (UA) zur Zentralen Sammelstelle des Sanitätspersonals im BGS nach Lübeck-Waldersee abgeordnet und später nach Dannenberg – Neutramm , in die Nähe der Innerdeutschen Grenze zur ehemaligen DDR, versetzt.

Mein Freund Wolfgang wurde nach Hamburg-Wandsbek versetzt und in die Bundeswehr integriert.

Der BGS-Standort Glückstadt wurde wieder, wie auch während des 2. Weltkrieges schon, zum Marinestandort erklärt.

In den weiteren Jahren versah ich mit Freude meinen Dienst als Sanitätsbeamter (nach einer gründlichen Ausbildung u.a. an der Sanitätsschule Lübeck-St. Hubertus) im BGS

in verschiedenen Abteilungen und Standorten überwiegend im Norddeutschen Raum, bis ich nach 9 Jahren im Rahmen einer Berufs- Förderung im Jahre 1963, ( nach 7 Jahren Zugehörigkeit zu meiner Dienststelle der GSA –T Nord in Winsen-Luhe), nach Absolvieren eines Überleitungslehrganges in den Polizeidienst des Landes Bremen wechselte.

Dieses waren erlebnis- und lehrreiche Jahre in einer besonderen Polizeitruppe, deren Ausbildung uns für den zukünftigen Berufsweg und unser weiteres Leben geprägt haben.

Eine Zeit die wir nicht vergessen – und nicht missen möchten.

( Herbert Dittmer )