Kleine Geschichte des Grenzschutzes

„Markgrafen, Grenzbistümer, Ritterorden und des Kaisers Grenzer – Kleine Geschichte des Grenzschutzes im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation

397 Seiten, EUR 18,90

Wagner Verlag, Gelnhausen

ISBN: 978-3-86683-541-2

Wer einmal die automatische Grenzkontrollanlage passiert hat, die in diesem Herbst an Flugsteig C von Terminal 1 am Flughafen Frankfurt in Betrieb genommen wurde, kann leicht ins soziokulturelle Philosophieren geraten. Wie sehr sich doch die Grenzkontrolle im Laufe der Jahrhunderte in ihrem Äußeren verändert hat – und wie wenig ihrem Wesen nach. Grenzen ist bis heute stets das Trennende immanent, sie dienen einmal dem Schutz desjenigen, der sie aufstellt, und gleichzeitig der Demonstration seiner Macht: Wer die Grenze passiert, begibt sich ins hoheitliche Rechtsgebiet eines anderen, dessen Regeln man sich zu beugen hat. Dass diese Machtdemonstration bis heute durchaus ein willkommener Nebeneffekt jener Schutzwälle und -schranken ist, lässt sich auf den Flughäfen der Gegenwart vortrefflich beobachten. Beispielsweise in der Schadenfreude vieler Europäer, wenn ein Schweizer in der Schlange der „EU-Bürger“ aufgefordert wird, sich doch bitte bei den Non EU citizens inmitten von Fluggästen aus dem Nahen Osten, aus Afrika oder Asien einzureihen.

Die Beschäftigung mit dem Thema Grenze ist zudem aus historischen Gründen und auch aus den Erfahrungen der Neuzeit mit der deutschen Teilung und Wiedervereinigung ein zutiefst deutsches Phänomen. Vielleicht ist es deshalb auch kein Zufall, dass im 20. Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer und damit dem Wegfall der innerdeutschen Grenze ein Buch erscheint, das die „kleine Geschichte des Grenzschutzes im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ erzählt. Der Autor, Polizeidirektor in der Bundespolizei und damit schon aus beruflichen Gründen eng mit dem Thema Grenze befasst, erzählt die Geschichte eben jener deutschen Ära aus dem Blickwinkel seiner Grenzen heraus.

Er beschreibt die einzelnen Grenzgebiete, nach Epochen unterteilt, detailliert in ihrer Entwicklung und beleuchtet dabei die verschiedenen Formen des Grenzschutzes. Die Zeitreise beginnt mit den Markgrafen im Frankenreich, geht weiter über die Grenzziehungen anlässlich der fränkischen Reichsteilung im 9. Jahrhundert, die Slawen- und Sorbengrenze im Osten bis hin zur Entwicklung an den westlichen Grenzflüssen Schelde und Maas. Näher betrachtet der Autor die Kolonisten der Militärgrenze gegen die Bedrohung durch die Türken, aus denen die Grenzregimenter der Habsburger entstanden, und schließlich das Vordringen des absolutistischen und später revolutionären Frankreich im Westen des Reiches bis an den Rhein. Persönlichkeiten, deren Namen mit dem Schutz der Grenzen verbunden sind, werden vorgestellt. Breiten Raum nimmt auch die Entwicklung des Militärwesens des Reiches ein sowie Überlegungen und Pläne, Kaiser und Reich eine effektive Verteidigungsmacht zum Schutz der Reichsgrenzen an die Hand zu geben.

An der Sicherheitstechnik bei der Grenzkontrolle hat sich übrigens über viele Jahrhunderte kaum etwas geändert. Erst mit dem Einzug der Elektronik genügt es nun, die Ausweispapiere auf eine Vorrichtung zu legen und sein Gesicht biometrisch erfassen und prüfen zu lassen. Trennung und Macht bleiben jedoch bis heute die Konstanten des Grenzwesens.

Gliederung des Buchs

Kapitel I und II bilden die Einführung und zeigen eine allgemeine Betrachtung zum Thema „Grenzen und ihre Bewohner“.

Kapitel III behandelt die Grenzen und den Grenzschutz im Frankenreich, insbesondere die einzelnen Markgrafschaften, die Karl der Große an den gefährdeten Grenzen errichten ließ. Das Amt des Markgrafen wird erklärt, zudem das Diedenhofener Kapitular als eine Art kaiserliche Vorschrift für den Dienst an der Grenze zu den Slawen im Osten. Alle Marken und Befestigungen werden im Urzeigersinn von Norden beginnend aufgezählt und kurz beschrieben.

Kapitel IV behandelt die fränkischen Reichsteilungen und die sich daraus ergebenden neuen Grenzen des Ostfrankenreichs. Der Leser erfährt, dass der Grenzschutz von so großer Bedeutung war, dass mit Markgraf Arnulf von Kärnten und Pannonien sogar ein Fürst, der sich bei der Sicherung der Grenze verdient gemacht hatte, zum Kaiser gewählt wurde.

Kapitel V beschreibt den Grenzschutz im Heiligen Römischen Reich des Mittelalters bis 1500 und geht speziell auf die Leistungen von König Heinrich I. und Kaiser Otto dem Großen hinsichtlich des Schutzes der Grenzen gegen die Awaren und Ungarn ein. Erwähnung findet unter anderem die Gründung des Zolls durch Kaiser Friedrich II. Neben der Beschreibung aller Marken und Grenzbistümer werden auch die Entwicklung im Heereswesen und die Pläne zum Einsatz von Ritterorden für den Grenzschutz beschrieben. Näher untersucht wird auch die Westgrenze des Reiches zum Königreich Frankreich entlang der Flüsse Saone, Maas und Schelde einschließlich der Herrschertreffen, die auf Brücken über und Inseln in diesen Grenzflüssen abgehalten wurden.

In Kapitel VI werden die Entwicklung an der Westgrenze zu Frankreich, der Kampf gegen die Hohe Pforte und die Entstehung der Militärgrenze beschrieben. Erwähnung finden dabei die Bemühungen von Kaiser Maximilian I. zur Stärkung der kaiserlichen Macht und Reformierung des Reiches sowie das Hineinwachsen der Habsburger in die Rolle des Beschützers der Grenzen im Westen und insbesondere im Südosten gegen die vorrückenden Osmanen. Besonders eingegangen wird dabei auf die Militärkolonisten an der Militärgrenze gegen die Türken auf dem Balkan. Völker, wie die Uskoken oder Kroaten auf dem Balkan, die sich auf den Grenzschutz gegen die Osmanen spezialisiert hatten, werden ausführlich beschrieben.

Kapitel VII befasst sich mit der Veränderung der Reichsgrenzen nach dem Dreißigjährigen Krieg, der Militärgrenze im Südosten als Bollwerk gegen die Türken und dem Kampf um die Westgrenze gegen das aufstrebende absolutistische Königreich Frankreich. Besonders intensiv wird dabei auf hohe Offiziere des Kaisers und Reiches eingegangen, die sich mit Fragen des Grenzschutzes befasst haben (Erzherzog Karl von Innerösterreich, Prinz Eugen, der Türkenlouis, Graf Montecuccoli und Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen). Hierbei wird auch die Reichsmilitärverfassung von 1681 untersucht sowie das fortschreitende Schattendasein der Reichsarmee als reiner Kontingentsarmee neben den sich ständig vergrößernden stehenden Heeren der Territorialfürsten insbesondere Österreichs, Bayerns und Preußens.

Kapitel VIII beschreibt das Ende des „Alten Reiches“ im Jahre 1806 und geht insbesondere auf die Entwicklung an der Westgrenze zum revolutionären Frankreich und den verspäteten und damit erfolglosen Plänen zur Reformierung des Reichskriegswesens ein.

Das Schlusswort in Kapitel IX betont die Tatsache, dass Einheiten des Grenzschutzes oft zu den besten militärischen Einheiten gehörten und die Grenzer einschließlich der Bevölkerung der Grenzregionen, obwohl oft nicht deutscher Nationalität, häufig zu den treuesten Dienern des Reiches und des Kaisers zählten. Am Ende steht die Schlussfolgerung, dass der deutsche Grenzschutz – anders als die Bundeswehr, die sich auf preußische Traditionen beruft – seine Wurzeln und Traditionen eigentlich im süddeutschen und österreichischen Raum suchen muss, da hier die Habsburger und der kaisertreue Reichsadel Südwestdeutschlands beim Schutz der Reichsgrenzen besonders aktiv waren.